Montag, 20. Januar 2020

Die Zahl der ehemalig vegan lebenden Menschen bestimmen

Wie im vorherigen Beitrag festgestellt, ist die Zahl der vegan lebenden Menschen schwer zu bestimmen.
Auf faunalytics.org wurde 2016 ein Beitrag veröffentlicht, das einer Umfrage zufolge, die Mehrheit der vegan lebenden Menschen, diese Lebensweise nach einer Zeit wieder aufgibt. Die Daten und die verwendeten Materialien  können auf https://faunalytics.org/ sogar abgerufen werden.

Die Ergebnisse werden auf vegan.eu allerdings, methodisch begründet, angezweifelt  und es wurde versucht, das Ergebnis zu replizieren. Auch wenn nur eine geringe Anzahl von "Ex-Veganern" gefunden wurde (70 Personen), gibt es dort Hinweise dafür, dass deren Zahl überschätzt wird:

Selbst bezeichnete Ex-Veganer sind also nicht immer tatsächliche echte Ex-Veganer, sondern nicht selten scheinen sie auch in ihrer angeblich veganen Zeit Fleisch, Milch oder Eier gegessen zu haben. Solche Fehlangaben kommen wiederum bei selbst bezeichneten Ex-Veganern häufiger vor als bei selbst bezeichneten aktuellen Veganern. (Zitat)

Wie wir aus unserer Befragung wissen, sind Ausnahmen eher die Regel , was auch retrospektive Befragungen methodisch schwierig macht. Das Merkmal - vegan lebend- ist nicht absolut zuverlässig und valide zu erfassen.

In jedem Fall ist es aus wissenschaftlicher Sicht nicht nur lohnenswert zu erfassen, wie Menschen beginnen, vegan zu leben, sondern ebenfalls, wie (und ob) sie es fortführen. Die Schlussfolgerungen und weiteren Anmerkungen auf vegan.eu hierzu sind lesenswert.

Montag, 6. Januar 2020

Überschätzen wir die Anzahl von vegetarisch-vegan lebenden Menschen in Deutschland?

Wenn Sie eine Studie zum Thema „vegetarisch-vegane Lebenswelten“ planen, werden Sie zunächst recherchieren, wie hoch die Grundgesamtheit der vegetarisch-vegan lebenden Menschen ist. Diese Information ist für Sie höchst relevant, beispielsweise um die Stichprobengröße zu bestimmen, welche wiederum die Voraussetzung für eine sogenannte Power-Analyse ist (mit der Sie die Wahrscheinlichkeit bestimmen, eine Hypothese angemessen testen zu können).


Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie zunächst eine dementsprechende Suche auf einer großen Suchmaschine starten. Auffällig ist dabei, dass die Daten von proveg bei Google besonders hervorgehoben („hervorgehobene Snippets“) werden:



Auf der Internetseite von proveginternational heißt es:



„Steigende Anzahl vegan-vegetarisch lebender Menschen“
„In Deutschland ernähren sich rund 8 Millionen Menschen vegetarisch und 1,3 Millionen Menschen vegan. Täglich kommen laut Schätzungen etwa 2.000 Vegetarierinnen und Vegetarier sowie 200 Veganerinnen und Veganer hinzu.“
 
 
Belegt werden die Zahlen zu vegan lebenden Menschen mit zwei Links:
 
Bei SKOPOS heißt es: 

„In einer repräsentativen Befragung im Auftrag der Veganen Gesellschaft Deutschland e.V. hat das Marktforschungsinstitut SKOPOS interessante Erkenntnisse gewonnen.
Immer mehr Deutsche leben vegan
Laut aktueller Befragung leben bereits 1,3 Millionen Menschen in Deutschland vegan...“

Anhand einer Stichprobe von 1000 Personen wurden die Ergebnisse hochgerechnet. Genauere Ergebnisse finden wir hier nicht.

Der zweite Link führt zu https://yougov.de/loesungen/reports/studien/vegan-studie/

Von dort findet man über einen Umweg den Link zu der Pressemitteilung, dass die „Zahl der Veganer in Deutschland bei 1,5 Prozent“liege.
 

Fazit: Bei einer Einwohnerzahl von etwa 82 Millionen Menschen in Deutschland, leben nach diesen Statistiken fast 10 Millionen Menschen vegetarisch oder vegan. Somit müsste der Anteil vegetarisch-vegan lebender Menschen also die 10 %- Marke überschreiten. Jährlich müssten zudem etwa 700 000 vegetarisch- und 70 000 vegan lebende Menschen dazukommen. In fünf Jahren müssten dann etwa 15 % der Menschen vegetarisch oder vegan leben.


Doch sind diese Werte realistisch? Denn das Robert Koch-Institut (Berlin) schreibt dagegen im Journal of Health Monitoring (2016 1(2))

„In Deutschland ernähren sich 4.3 % der Erwachsenen im Alter von 18 bis 79 Jahren üblicherweise vegetarisch. Bei Frauen ist diese Ernährungsweise mit 6.1 % weiterverbreitet als bei Männern mit 2.5 %."
Diese Zahl liegt deutlich unter der Angabe bei proveg. Sind die Ergebnisse auch davon abhängig, wer den Auftrag zu der Studie gibt?
Selbstverständlich liefern Studien keine exakten Zahlen. Es wird eine kleine Anzahl, mehr oder weniger zufällig ausgewählter, Menschen befragt, und die Ergebnisse dieser Stichprobe dann hochgerechnet. Daher werden die Ergebnisse Befragungen schwanken. Wenn diese Schwankungen zufällig sind, sollte der Mittelwert verschiedener Studien einen guten Anhaltspunkt für die tatsächliche Anzahl geben.


Wir stellen hier einmal die Ergebnisse weiterer Untersuchungen zusammen. Die ersten beiden Studien beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung und die dritte und vierte auf Menschen unter 30 Jahren.

Anteile der vegetarisch lebenden Menschen (in %) anhand vorliegender Studien:
 
6.10 Millionen vegetarisch lebende Menschen. 400.000 Personen mehr als 2017. Entspricht etwa 7.4 % vegetarisch-vegan lebenden Personen ab 14 Jahre (Link: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/445155/umfrage/umfrage-in-deutschland-zur-anzahl-der-veganer/ )


Anteil der vegetarisch lebenden Menschen in Deutschland: 3.7 % (nur wenige vegan lebende Menschen in der Befragung)

6-11 Jahre: 1.3 %  (m) – 1.5 % (w)

12- 17 Jahre: 5.0 % (m)  – 8.1 % (w)
18-29 Jahre: 5.0 %(m)  – 9.2 % (w)

KiGGS baseline survey 2006:  3- 17 Jahre:  1.7 % (m) – 3.2 % (w)


7 % Vegetarisch/ 2 % Vegan (mehr Frauen als Männer unter den 18-29- jährigen).


Wir sehen: In der aktuellsten Befragung liegt der Wert mit etwa 7.4 % vegetarisch lebenden Menschen in der Gesamtbevölkerung und 950 000 vegan lebenden Menschen höher als in den anderen Untersuchungen. Möglicherweise ist dies ein Beleg dafür, dass die Zahlen tatsächlich zuletzt gestiegen sind. Dennoch liegen alle Ergebnisse deutlich unter insgesamt 10 %.

Auch der Zuwachs liegt mit 200 000 neuen Vegetariern/Jahr deutlich niedriger als von proveg geschätzt (weniger als die Hälfte davon).
Der Fokus auf die jungen Menschen erscheint zudem besonders interessant, da wir wissen, dass viele vegetarisch-vegan lebenden Eltern ihre Lebensweise den Kindern nahelegen  und die Entscheidung für die vegetarisch-vegane Lebensweise mit hoher Wahrscheinlichkeit konstant bleibt.
Doch wir sehen: (noch) keine der Untergruppen überschreitet die 10 % Marke, selbst nicht die, welche der vegetarisch-veganen Lebensweise als besonders zugewandt gilt, nämlich die jungen Frauen zwischen 12-29 Jahren.

Woher kommt diese Diskrepanz zwischen der „Wir-werden-immer-mehr- und- sind- auch-schon viele“ - Wahrnehmung und den dagegen geringen Zahlen?
 
·      Politische Strategie?  Vegetarische Verbände, welche sich die Verbreitung vegetarisch-veganer Lebensweisen zum Ziel gesetzt haben, müssen sich natürlich daran messen lassen, ob dies auch gelingt. Es gibt sicher auch andere Erfolgsfaktoren, aber dieser ist sicher der Wichtigste.
      Das bedeutet nicht, dass die Daten bewusst manipuliert werden. Es ist dennoch möglich, dass Marktforschungsinstitute ihre kleinen, aber sicher vorhandenen Freiheitsgrade, bei der Datenerhebung ausnutzen. Es macht einen großen Unterschied für die Ergebnisse, ob unter den zufällig ausgewählten 1000 Personen 20 oder 10 vegan lebende Menschen angetroffen werden. Da die sozio-demographischen Rahmenbedingungen gut bekannt sind, können schon kleine Veränderungen bei der Stichprobenziehung die Ergebnisse verändern.

Aus wissenschaftlicher Sicht wäre es zudem sinnvoll, ein sogenanntes Konfidenzintervall (Vertrauensintervall) mitanzugeben, wenn man von den Daten einer kleinen Stichprobe, Rückschlüsse auf eine größere Grundgesamtheit ziehen will. Zu dem Ergebnis würde man dann dazuschreiben, dass der Wahre Wert mit hoher Wahrscheinlichkeit zwischen X und Y liegt. Dies ist aber kein konkreter Vorwurf, da dies bei der Präsentation von Umfrageergebnissen generell nicht üblich ist.

·        Verzerrte Wahrnehmung?  "In meiner Welt waren es immer viel mehr“ schreibt die Autorin Kirsten Herrmann bei bento, als sie feststellt, dass die Zahlen geringer sind, als (von ihr) gedacht. Da wir wissen, das vegetarisch-vegan-lebende Menschen sich relativ häufig mit vegetarisch-vegan-lebenden Menschen umgeben und diese auch familiär häufiger auftreten, neigen wir womöglich dazu, die Häufigkeit zu überschätzen.

 
·       Erhöhte Verfügbarkeit und bessere Kennzeichnung vegetarisch-veganer Angebote?
       Das hier große Entwicklungen stattgefunden haben, steht außer Frage. Statt einen Link zu setzen, verweisen wir auf den nächsten Supermarkt in Ihrer Nähe. Sie werden mit nahezu 100%-iger Wahrscheinlichkeit eine breite Palette an vegetarisch-veganen Produkten finden. Vor 20 Jahren war das nicht so. Diese Entwicklung hat sicherlich einen positiven Einfluss auf den Anteil vegetarisch-vegan-lebende Menschen, aber führt nicht zu dem deutlich höheren Anteil in der Bevölkerung.

        Warum weisen wir nun auf diese Diskrepanz hin?

1.    Studienplanung

Wenn Sie Studien zu dem Thema „vegetarisch-vegane Lebenswelten“ planen, müssen Sie davon ausgehen, dass Sie selbst im universitären Kontext in Fächern mit hohem Frauenanteil kaum mehr als 10 % vegetarisch bzw. vegan lebende Menschen finden werden. Dies ist v.a. relevant, wenn Sie Gruppenvergleiche zwischen omnivoren und vegetarisch-vegan lebenden Menschen planen.Beispiel:  Wenn Sie 100 Personen befragen, dann werden Sie wahrscheinlich nicht einmal 10 vegetarische Personen erreichen und maximal eine vegan lebende – in den meisten Fällen zu wenig für einen angemessenen statistischen Vergleich! Um die Gruppen Omnivor – Vegetarisch – Vegan zu vergleichen müssten Sie Ihre Gesamtstichprobe nach der geringsten Gruppe ausrichten. Um ca. 50 vegan lebende Menschen (nach dem Zufallsprinzip!) zu finden, müssten Sie insgesamt 5000 Menschen befragen! (Alternativ können sie selbstverständlich gezielt vegan lebende Menschen ansprechen, haben dann aber keine Zufallsstichprobe vorliegen).

2.   Politik 

Der Anteil vegetarisch-vegan lebender Menschen wächst, ist immer noch gering. Die optimistischen Schätzungen entsprechen anscheinend nicht der Realität, insbesondere die Zahl (konstant) vegan lebender Menschen wird anscheinend deutlich überschätzt. Aus PR-Gründen mag das sinnvoll sein, aber uns muss klar sein: Auch die absolute Mehrheit der jungen und akademisch gebildeten Frauen (mindestens 90%) lebt weder vegetarisch noch vegan. Die erhöhte Medienpräsenz und die erhöhte Verfügbarkeit vegetarisch-veganer Produkte hat die Wahrnehmung auf dieses Thema gelenkt-  aber nicht die Anzahl der vegetarisch-vegan lebenden Menschen erhöht. Dies ist eine wichtige Information für politische Akteure. Die bisherigen Strategien scheinen nicht auszureichen. Politische Akteure sollten ihre Energie auf wissenschaftliche Studien lenken, die Ihre Strategien verbessern. Hier besteht noch viel Forschungsbedarf.